IlluDollArt ~ Puppenkunst aus Wallotti’s Ateliér

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. (Paul Klee)

Illudollart‘Rebornbabies’ können ein spannendes Kunstobjekt abgeben. Wer absichtlich komplexe Aussagen in die von ihm gestalteten lebensecht aussehenden Baby-Puppen hinein legt, füllt herkömmliche Rebornbabies mit einem tieferen Sinn. Letztendlich obliegt es der Rebornerin selbst, wieviel Kunst in die von ihr gestalteten Rebornbabies einfließt.

Es ist höchstwahrscheinlich eher eine Frage der Persönlichkeit und die der Motivation, als die der Definition, die die Grenze zwischen Kunsthandwerk und Kunst zieht.

Es gibt Stimmen, die vehement den Standpunkt vertreten, der vorgefertigte Bausatz spräche gegen die Einordnung von Rebornbabies als Kunst, weil die Arbeit nicht von Anfang an eigenschöpferisch ist und somit nicht das Kriterium des künstlerischen Schaffensprozesses erfülle. Die Frage ist, ob das wirklich so stimmt. Dagegen spricht auf alle Fälle, dass mittlerweile auch Maler gerne auf vorgefertigte Keilrahmen zurückgreifen. Der Vergleich erscheint im ersten Moment vielleicht etwas absurd. Das eine hat schon eine Gestalt, dass Andere kaum. Aber wenn das freche Argument einmal eine Weile auf sich wirken lässt, ist die Leinwand dazu in der Lage, uns etwas zu verdeutlichen.

Was sie betrifft, da sind wir uns wahrscheinlich alle ziemlich einig. Sie zeigt sie uns auf, dass erst das, was sich auf ihr abspielt, darüber entscheiden wird, um was es sich handelt. Wieso sollte das ausgerechnet bei den Bausätzen anders sein, aus denen Rebornbabies entstehen? Im Prinzip sind sie auch nichts anderes, als eine Leinwand, die dreidimensional gestaltet ist.

Manche Maler machen aus der Sonne einen gelben Punkt. Andere machen aus einem gelben Punkt eine Sonne. (Pablo Picasso)

Interessanter ist es, sich Gedanken darüber zu machen, welche Motivation und welche Intentionen den fertigen Objekten ‘Rebornbabies’ zu Grunde liegen und welche Assoziationen der fertige Gegenstand auszulösen vermag. Unter diesem Gesichtspunkt kann die eigenständige Arbeit auch auf der Oberfläche eines Bausatzes beginnen, aus denen parallel tatsächlich unzählige Rebornbabies gefertigt werden, die womöglich wirklich in die Rubrik Kunsthandwerk einzuordnen sind.

Die Crux ist, dass der Begriff Kunst in seiner Auslegung überaus widerspenstig und dehnbar ist. Jeder hat eine Vorstellung davon, was sie ausmacht, aber Keiner kann sie schlüssig erklären. Sie ist keine binomische Formel, die sich eindeutig definieren und mathematisch beweisen lässt. Sie hat keine Bestimmung, sie erfüllt keinen Zweck, sie unterliegt keinem Mainstream und sie muss auch keine ‘Mehrheit’ in der Gesellschaft für sich gewinnen. Diese Aspekte können uns im Bezug auf Rebornbabies als eigenständige Schöpfung also nur sehr begrenzt weiterhelfen.

Die Bezeichnung “eigenschöpferische Arbeit” lässt jedoch eines erahnen. Es ist anzunehmen, dass sie sich höchstwahrscheinlich nicht wirklich an einem Mainstream orientieren wird und sie wird wohl auch nicht auf eine Kundengruppe zugeschnitten, denn der Impuls für das eigenschöpferische Werk muss aus dem Inneren dessen kommen, der es erschafft. Dieses Kriterien müssen auch die Rebornbabies erfüllen, wenn sie nicht in die Rubrik Kunsthandwerk fallen sollen. Im eigenständigen Schaffensprozess  kommuniziert der Künstler mit sich selbst. Das was entsteht, entsteht in ihm. In sein Werk fließt maßgeblich etwas ein, was einen Teil seiner Persönlichkeit ausmacht und genau das ist allen Unkenrufen zum Trotz auch mit Rebornbabies möglich.

Das Künstlerische beginnt mit dem Wort anders. (Carl Einstein)

Allerdings passen solche Werke mittlerweile nicht mehr in das Korsett von Kriterien, die im Laufe der letzten Jahre eifrig für Rebornbabies definiert wurden. Im Prinzip ist die ‘Rebornszene’ damit an einem Scheideweg angekommen. Sie unterteilt sich in die Sparte, die mehr oder weniger den definierten Normen für Rebornbabies folgt. Und dann gibt es die, die nun mit ihren Werken aus dem Raster fallen. So ist es eben, wenn die Dinge zu sehr geregelt werden. Die Freiräume werden beschnitten und die Variationsvielfalt nimmt ab. Die Leute, die die davon betroffen sind, sind an ihren Rebornbabies zu erkennen. Es tauchen immer wieder bemerkenswerte Arbeiten auf, die überaus interessant sind. Der Grund dafür ist, dass Rebornbabies anders sind, sei es, weil sie fiktives frühkindliches Leben darstellen, sei es aufgrund der Ausstattung und des Kontexts, in den sie damit gesetzt werden.

Eventuell sind solche Rebornbabies die gesuchten Eckpfeiler, die auf eine eigenschöpferische Leistung hinweisen, obwohl auch bei ihnen die Ausgangsbasis ein industriell gefertigter Bausatz zur Herstellung von Rebornbabies war. Künstlerisches Schaffen beinhaltet den Hang zum Individualismus. Anders könnte es einem Künstler nicht gelingen, ein Werk zu seinem Eigenen zu machen. Das trifft auch auf Rebornbabies zu. Wenn aus einem Bausatz Marnie ein Mr. Spock entsteht, ist das etwas völlig Anderes, wie die fünfhunderdreiundneunzigste Version des Rebornbabies Marnie. Die Gestaltung eines Mr. Spock setzt voraus, dass sich der Künstler von dem löst, was  den Bausatz Marnie ausmacht.

Wallotti’s Ateliér gehört der Gruppierung an, deren Arbeiten anders sind. Die entstehenden Werke, in denen Rebornbabies die Hauptrolle spielen, fallen gewollt aus dem gebräulichen Shema heraus. Zudem stellen die Arbeiten schon deshalb keine Rebornbabies im herkömmlichen Sinne dar, weil sie grundsätzlich thematischer Natur sind. Das, was zum Ausdruck gebracht werden soll, entspringt dem bunten Innenleben der Künstlerin und ist dementsprechend eng mit der Persönlichkeit verzahnt. Bevor sie die Arbeit an einem ihrer Rebornbabies beginnt, steht die Idee im Raum, die sie umsetzen möchte.

Im Entwurf zeigt sich das Talent, in der Ausführung die Kunst. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Die Arbeitsweise konn insofern vom Gesamtbild her sehr wohl der künstlerischen Tätigkeit entsprechen. Ob eine Eigenschöpfung vorliegt, hängt auch bei Rebornbabies nicht davon ab, wo der mechanische Gestaltungsprozess angefangen wird. Es geht um Ideen, Kreativität, Können und Umsetzung. Entscheidend ist das Werk, das am Ende in seiner Gesamtheit dabei raus kommt. An ihm ist die eigenschöpferischen Tätigkeit erkennbar und auf das Endergebnis, das als Kunstwerk eingeordnet werden könnte, hat auch eine Künstlerin, die mit Rebornbabies arbeitet, zu einhundert Prozent den gestalterischen Einfluß.

Um sich gezielt von dem Definitionsbereich für Rebornbabies abzugrenzen, hat Lilo Gehrke für sich und ihr Hobby die Bezeichnung Illusion Doll Art (IlluDollArt) ersonnen. In ihrem künstlerischen Schaffensprozess kommen zwar die Techniken nach wie vor zur Anwendung, die für die Herstellung von Rebornbabies entwickelt wurden. Er gestaltet sich jedoch anders, weil er auf die Umsetzung persönlicher Themen ausgerichtet ist. Rebornbabies sind nur ein Teil dessen, womit sich die Künstlerin auseinander setzt. Die von ihr gewählten Themen beschäftigen sich mit den psychosozialen Entwicklungen, die maßgeblich für die Ausreifung einer ausbalancierten  starken Persönlichkeit sind. Das Sujet Rebornbabies fügt sich in ihren Arbeiten in die gewählten Thematik ein. Sie sind quasie Statisten, die die lautlose Stimme dess symbolisieren, um was es der Rebornerin in diesem Fall tatsächlich geht.

Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. (Johann Wolfgang von Goethe)

Rebornbabies verkörpern in hervorragender Weise das sogenannte innere Kind. Der Begriff stammt aus der Psychologie und bezeichnet eine Komponente der Persönlichkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Diese, die Phantasie beflügelnde kindliche Seite repräsentiert den Teil in uns, der durch früheste Prägung entscheidende Gefühle, Wahrnehmungen und Wertvorstellungen aufnimmt. Weil diese frühen Prägungen unser späeteres Leben, unsere Empfindungen und Wahrnehmungen maßgeblich beeinflußen, ist das “innere Kind” ein wichtiger Bestandteil unserer Gesamtpersönlichkeit. Wird es in seiner Entwicklung gestört,  hat das weitreichende Konsequenzen für den Betroffenen, weil für ihn die Auswirkungen ein ganzes Leben lang spürbar sein können.

Rebornbabies sind prädestiniert dafür dem inneren Kind Gestalt zu geben und der Verletzlichkeit frühkindlichen Lebens Ausdruck zu verleihen. Rebornbabies führen einen mit Leichtigkeit die Fragilität und Zerbrechlichkeit von zarten Kinderseelen vor Augen. Sie vermitteln einen das Maß der Hilflosigkeit des schutzbedürftigen zarten Wesens Kind. Die Darstellung durch Rebornbabies veranschaulicht zum Greifen Nahe, dass Gewalt, Mißbrauch, Mißhandlung, Ausbeutung und Vernachlässigung von Kindern ferngehalten werden müssen. Das macht Rebornbabies zu einem perfekten Ausdrucksmittel. Und … Rebornbabies sind Puppen. Wer sich in seinen Arbeiten mit der Entwicklung von Kindern beschäftigt, dem drängen sich Rebornbabies  auch aus diesem Grund förmlich auf.

Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie die Ungerechtigkeit. (Charles Dickens)

Kinder und Puppen? Da geht doch was. In unserem Denken gehören sie zusammen. Auch wenn die Rebornbabies in den Arbeiten von Lilo Gehrke eine andere Rolle einnehmen. Für gewöhnlich sind Puppen die stummen Freunde von Kindern. Sie sind die engsten und verschwiegensten Vertrauten, die sie haben können. In den Illusion Doll Art Werken der Künstlerin werden die Rebornbabies zu kleinen Sonderbotschaftern zum Wohle von Kindern. Sie bleiben in ihrer Rolle ‘die Puppe als stummer Freund’ im Wesentlichen erhalten. Trotzdem wandeln sich die Rebornbabies in den entstehenden, figürlichen Darstellungen. Sie werden  vom stillen Begleiter zu einem kleinen Fürsprecher, der zum Wohle von Kindern mit lautloser Stimme gezielt seine Appelle an Erwachsene richtet.